Wie entstehen die Kostüme für eine Musical Produktion?
Wenn auf der Bühne getanzt, gesungen und gefeiert wird, denkt das Publikum meist zuerst an die Musik, die Schauspielerinnen und Schauspieler oder die grosse Show. Was oft unterschätzt wird: Hinter jedem Auftritt steckt eine enorme Arbeit im Kostümbild. Bei einer Produktion von Mamma Mia! – Das Musical auf Schweizerdeutsch hat Kathrin Baumberger, Inhaberin die Manufaktur, das Kostümbild designt.
150 Outfits und rund 500 Kleidungsstücke
Die Dimensionen einer Musicalproduktion werden erst richtig greifbar, wenn man die Zahlen hört. Für Mamma Mia! Das Musical auf Schweizerdeutsch entstanden insgesamt etwa 150 komplette Outfits. Ein Outfit besteht dabei nicht nur aus einem Kleid oder einer Hose, sondern aus mehreren Teilen. So umfasst im Durchschnitt jedes Outfit ungefähr drei Kostümteile. Hochgerechnet ergibt das rund 500 einzelne Teile: von Hemden über Hosen bis hin zu Showkostümen mit Glitzer und Spezialstoffen.
Gerade bei Musicals ist die Anzahl der Kostüme enorm, weil viele Darstellerinnen und Darsteller mehrere Rollen haben. Besonders das Ensemble benötigt zahlreiche Umzüge während der Show.
Recycling statt Wegwerfen: Nachhaltigkeit im Kostümbild
Nicht alle Kostüme wurden komplett neu hergestellt.
Bereits 2018 durften Kathrin Baumberger das Kostümbild für Mamma Mia! – Das Musical für die Thunerseespiele verantworten. Einige Kostümteile aus dieser früheren Produktion waren noch vorhanden. Diese wurden erneut verwendet und clever in die neue Produktion integriert. Ergänzt wurden sie durch neu eingekaufte Kleidungsstücke und frisch angefertigte Showkostüme.
Gerade in der Theaterwelt spielt Recycling seit Jahren eine wichtige Rolle. Hochwertige Bühnenkostüme werden selten einfach entsorgt. Viele Stücke wandern einen Fundus und erhalten in neuen Produktionen ein zweites Leben. Das spart nicht nur Kosten, sondern ist auch nachhaltig.
Wie entsteht ein Kostümbild überhaupt?
Viele Menschen stellen sich unter Kostümdesign einfach das Zeichnen schöner Kostüme vor. In Wirklichkeit steckt deutlich mehr dahinter.
Der Ablauf beginnt mit dem Textbuch des Musicals. Die Kostümbildnerin liest das Stück und entwickelt darauf basierend eine visuelle Welt. Dabei entstehen: Kostümideen in Form von Skizzen, Farbkonzepte, Stoffvorschläge, Stilrichtungen sowie Bildwelten und Moodboards. Diese werden anschliessend mit Regi, Bühnenbild und Choreographie besprochen. Die Präsentation dient als Grundlage für die gemeinsame kreative Richtung. Kostümbild ist deshalb immer Teamarbeit.
Excel statt Chaos: Wie man den Überblick behält
Bei mehreren hundert Kleidungsstücken stellt sich automatisch die Frage: Wie verliert man dabei nicht den Überblick?
Die Antwort ist überraschend unspektakulär aber extrem effektiv. Die gesamte Organisation läuft über detaillierte Excel-Tabellen. Dort wird festgehalten:
- Wer welches Outfit trägt
- Welche Grössen benötigt werden
- Welche Kleidungsstücke mehrfach vorhanden sein müssen
- Welche Änderungen nach Anproben nötig sind
Zusätzlich werden alle Kostüme fotografisch dokumentiert. Jede Kombination wird festgehalten, damit die Dresser während den Endproben und den Aufführungen genau wissen, wer welches Kostüm wann zu tragen hat.
Kathrin Baumberger beschreibt die Arbeit deshalb selbst als „riesige Logistik“.
Von weissen Hemden bis zu individuellen Looks
Ein Teil der Kostüme besteht aus Basics. Dazu gehören beispielsweise weisse Hemden, schwarze Hosen, neutrale Schuhe, simple Accessoires. Davon werden grosse Mengen benötigt. Gleichzeitig gibt es Szenen, in denen jede einzelne Person individuell eingekleidet wird.
Gerade die Ensemble-Szenen verlangen viel Kreativität. Dort soll die Bühne lebendig wirken, ohne chaotisch auszusehen. Farben, Muster und Stilrichtungen müssen harmonieren, sich ergänzen und ein passendes Gesamtbild zum Bühnenbild ergeben.
Für die Anproben werden deshalb bereits komplette Outfits vorbereitet. Vom Socken bis zur Unterwäsche bis zu Strümpfen und Haarschmuck wird für die Anprobe alles vorbereitet. Die Kostüme des einzelnen Darstellers werden zusammen mit der Gewandmeisterin anprobiert, angepasst und dokumentiert. Parallel dazu vervollständigt die Maskenbildnerin das Kostüm mit der passenden Perücke oder dem passenden Schnauz. Die Kostümassistenz fotografiert den Look. Danach werden die Fotos angeschaut und falls nötig, Kostümteile ausgetauscht.


Anproben: Der Moment der Wahrheit
Eine Zeichnung auf Papier ist das eine. Wie ein Kostüm tatsächlich wirkt, zeigt sich erst bei der Anprobe. Diese sind ein zentraler Teil jeder Produktion. Gerade bei Tanzszenen müssen Kostüme bequem sein und optimale Bewegungsfreiheit bieten. Gleichzeitig sollen sie spektakulär aussehen. Dies erforder ein eingespieltes Team mit jahrelanger Erfahrung und grossem handwerklichen Können.
Warum Kostüme auf der Bühne anders funktionieren müssen
Ein Bühnenkostüm unterscheidet sich stark von normaler Alltagskleidung. Farben wirken unter Bühnenlicht oft komplett anders als im normalen Tageslicht. Deshalb testen Kostümbildnerinnen Stoffe häufig direkt unter Scheinwerfern. Auch Schweiss, Tanz und schnelle Bewegungen spielen eine wichtige Rolle bei der Materialwahl.
Drei Personen hinter hunderten Kostümen
Erstaunlich ist auch die Teamgrösse. Hinter der gesamten Kostümwelt standen lediglich drei Personen.
Neben der Kostümbildnerin arbeiteten zwei Assistentinnen an der Produktion. Beide sind gleichzeitig Gewandmeisterinnen. Sie entwickeln und nähen die Showkostüme. Die Aufgaben im Team waren vielseitig. Von der Suche der Outfits, zum Einkauf, dem Einsortieren, Beschriften der Outfits bis hin zur Organisation der Anproben und Dokumentation aller Kostüme. Besonders in den letzten Wochen vor der Premiere steigt die Arbeitsintensität enorm an. Das Dresser-Team, bestehend aus 3 Personen, übernahmen bei den Endproben die Verantwortung für die Umzüge der DarstellerInnen.
Die unsichtbare Arbeit hinter der Bühne
Während das Publikum die fertige Show sieht, bleibt die eigentliche Arbeit meist unsichtbar. Wie zum Beispiel die kleinen und grossen Reparaturen und spontane Änderungen. Besonders hektisch wird es hinter der Bühne während der laufenden Vorstellung, da dann schnelle Kostümwechsel auf dem Programm stehen. Die DresserInnen üben diese jeweils mit den DarstellerInnen, damit jeder Handgriff sitzt.
Das Ensemble hat die meisten Umzüge
Während Hauptrollen oft mit ikonischen Einzelkostümen verbunden werden, ist das Ensemble im Hintergrund die eigentliche Umzieh-Maschine der Produktion. In Mamma Mia! Das Musical hatte das Ensemble die meisten Kostümwechsel – insgesamt bis zu sechs Umzüge pro Person.
Das liegt daran, dass das Ensemble ständig neue Szenen wie zum Beispiel die Strandparty, die Hochzeit und verschiedenen Tanznummern füllt.
Jede Szene benötigt eine neue Stimmung und damit neue Kleidung. Diese schnellen Wechsel hinter der Bühne gehören zu den stressigsten Momenten einer Show.




FAQ zu den Kostümen von Mamma Mia! Das Musical
Insgesamt gab es rund 150 Outfits mit ungefähr 500 einzelnen Kleidungsstücken.
Nein. Viele Teile wurden aus früheren Produktionen recycelt und mit neuen Elementen kombiniert.
Das Ensemble hatte die meisten Umzüge: Bis zu sechs pro Person.
Mit detaillierten Kostümlisten bestehend aus Excel-Tabellen, Fotos und einer genauen Dokumentation aller Outfits.
Das Team bestand aus drei Personen: der Kostümbildnerin und zwei Assistentinnen beziehungsweise Gewandmeisterinnen. Ab den Endproben kommen noch 3 Dresserinnen dazu.
Kurz vor der Premiere mussten glitzernde Schlusskostüme komplett ersetzt werden, weil sie zu viel Glitzer verloren.
Fazit
Die Welt hinter den Kulissen eines Musicals ist weit komplexer, als viele vermuten. Besonders das Kostümbild vereint Kreativität, Organisation und handwerkliches Können auf höchstem Niveau.
Die Produktion von Mamma Mia! Das Musical auf Schweizerdeutsch zeigt eindrucksvoll, wie aus hunderten Kleidungsstücken eine lebendige Bühnenwelt entsteht. Gleichzeitig wird deutlich, wie wichtig Teamarbeit, Flexibilität und Erfahrung im Theateralltag sind.
Und genau das macht den Zauber des Musicals aus: Das Publikum erlebt Leichtigkeit und Unterhaltung – während hinter der Bühne monatelang mit Leidenschaft gearbeitet wird.